Mariannhiller Missionsschwestern vom kostbaren Blut

Feierliche Vesper am 23. Mai 2009 in der Klosterkirche Wernberg

 

Herr Generalvikar Dr. Engelbert Guggenberger sagte bei dieser Vesper in seiner Predigt:

 

Wollte man das Missionswerk von Abt Franz Pfanner in nichtreligiösen Begriffen würdigen, so könnte man sagen: Er diente der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der ihm Anvertrauten.

Das in der Folge der Philosophie der Aufklärung entstandene Motto der französischen Revolution (1798) « liberté – égalité – fraternité » wurde aber in den vergangenen zwei Jahrhunderten vielfach als antikirchliche, ja antichristliche Parole ausgelegt.

Immer wieder wurde der christliche Glaube als gegen die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen gerichtet interpretiert.

Der Glaube schien zu sehr mit dem Ancien Regime, mit der Monarchie und einer Ständegesellschaft verbunden gewesen zu sein, als dass er mit diesen drei zentralen Grundwerten hätte in Verbindung stehen können.

Auch in unseren Tagen werden mitunter der Glaube und die Kirche in Distanz zum Freiheitsdenken, zu den Menschen- und Bürgerrechten und zu der demokratischen Staatsform gesehen.

Für einige Zeitgenossen haben sich beide, die Kirche und die Freiheit, immer noch nicht versöhnt!

Im Zugehen auf das Pfingstfest möchte ich diesen Reserven die These entgegenstellen, dass der christliche Glaube als eine der treibenden Kräfte anzusehen ist, der die Grundlagen zu den Werten der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gelegt hat, in dessen Nachfolge die Philosophie der Aufklärung (und auch die französische Revolution) stehen.

Damit feiern wir also an Pfingsten und nicht am 14. Juli 1789 das Geburtsfest dieser zentralen Grundwerte!

Das gesamte Wirken Jesu in Wort und Tat, vor allem auch das Pfingstereignis, zeugen von der freimachenden, die Menschen verbindenden und brüderlichen Botschaft.

Das Wirken des Heiligen Geistes mit seinen humanisierenden Kräften konnte weder für den Einzelnen noch für Staat und Gesellschaft ohne Folgen bleiben!

 

1. Der Geist der Freiheit

Im Bericht über das Pfingstereignis hörten wir, dass sich alle, d.h. die Apostel, Maria und einige Glieder des Jüngerkreises, am gleichen Ort befinden.

Sie gehorchen der Anweisung Jesu, sie bleiben in Jerusalem und warten auf die „Verheißung des Vaters“.

Sie nehmen sich gegenüber den religiösen Autoritäten diese Freiheit des Miteinanders heraus, obwohl sie als Anhänger des neuen Weges gesucht und verfolgt werden.

Sie haben zwar Angst vor ihren Verfolgern, wie vor dem eifernden Paulus von Tarsus, geben aber dennoch nicht auf und bleiben dem Auferstandenen, seinen Verheißungen und sich gegenseitig treu.

Petrus bringt diese neue Freiheit vor den Vertretern des Synedrions auf den Punkt: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen ".

Im Kern dieser Aussage klingt die Forderung nach Religionsfreiheit an, d.h. ein jeder besitzt das Recht, der Lehre Jesu folgen zu können.

Dieser absolute Vorrang Gottes besagt die Relativität aller menschlichen (auch religiösen) Autorität. Das heißt: Auch die Herrschenden unterstehen der Ordnung Gottes, auch sie unterliegen dem göttlichen Gesetz.

Diese Ordnung Gottes, die wir neben den Zehn Geboten auch in der Schöpfung erkennen können, legt die grundsätzliche Gleichheit aller Menschen offen, die gleiche Würde von Mann und Frau.

Bereits an diesem Urbeginn der Schöpfung und seiner Ordnungen ist der Geist Gottes anwesend.

Zu den Wirkungen dieses Geistes Gottes, der ein Geist der Freiheit ist, gehört auch die freie Rede, die PARRHESIA, die Petrus und Paulus so sehr auszeichnen und die zum Kennzeichen ihrer Verkündigung wird.

Bei ihrem Zeugnisgeben fürchten sich die Apostel vor niemandem, selbst wenn sie dieses Zeugnis zur äußersten MARTYRIA, d.h. dem Martyrium, dem Blutzeugnis führt. Angesichts aller menschlichen Gewalt wissen sie sich selbst und ihren Auftrag in Gottes Hand geborgen.

Diese äußerste Nagelprobe von Zeugnis und Zeuge, von Wort und Beispiel, Glaube und Leben gab der Missionsarbeit der ersten Gemeinden ihre einzigartige Glaubwürdigkeit und ungeheure Durchschlagskraft.

Die junge Christengemeinde ist außerordentlich beliebt und findet täglich neue Anhänger.

Hier liegt meiner Einschätzung nach der ausschlaggebende Grund, der dem Christentum in der Antike zum Durchbruch verholfen hat. Es waren nicht so sehr politische Entscheidungen der Mächtigen, die dem christlichen Glauben den Weg bahnten, sondern seine innere Kraft und Stärke. Und diese innere Kraft und Stärke ist auch noch 1800 Jahre später bei Abt Franz Pfanner zu spüren und verhilft seinem Werk zum Durchbruch.

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2. Der Geist der Gleichheit

Bereits das Pfingstereignis lässt die grundsätzliche Gleichheit aller Glieder der Urgemeinde erkennen, wenn sie auch verschiedene Dienste in der Gemeinschaft innehaben.

Es sind die elf Apostel, die sich - wie die Apostelgeschichte berichtet - zusammen mit den Frauen und Maria und mit seinen Brüdern ständig im Obergemach, des Abendmahlsaals aufhalten.

Allen ist der gleiche Heilige Geist geschenkt worden. Alle sind zum Zeugnis der Großtaten Gottes ermächtigt und aufgerufen.

Neben der unterschiedlosen Gabe des Heiligen Geistes an alle bewirkt einen weiteren Gleichheitsschub die universelle Bestimmung des Wortes Gottes, von der die Lesung berichtet.Alle sollen Gottes große Taten erfahren, gleich welcher Sprache und damit Kultur sie auch sein mögen. Auch dies zeugt von der grundsätzlichen Gleichheit aller Menschen, denn alle sind unterschiedslos zum Heil berufen.

Die universelle Berufung zum Heil war der Welt des Judentums fremd. Aber auch die Römer müssen sich gewundert haben, dass sie als Angehörige einer Weltmacht gleichrangig neben den Bewohnern vieler kleiner Provinzen aufgezählt werden.

Mir scheint, dass hier ein Quantensprung in der Religionsgeschichte erfolgt ist, den wir nicht hoch genug bewerten können. Es handelt sich um eine völlige Neuheit, dass niemand mehr aufgrund seiner Volkszugehörigkeit oder anderer Merkmale exklusiv zum Heil berufen ist, sondern einzig allein aufgrund seines Menschseins.

Um Heil und Erlösung zu finden, wird ausschließlich seine persönliche Zustimmung zur Person Jesu, zu seiner Sendung und zu seiner Botschaft gefordert. Wie sehr der Gedanke der Gleichheit für Abt Pfanner bestimmend war, geht aus dem Artikel von Sr. Andreas in der neuesten Ausgabe der Kärntner Woche hervor, wenn sie schreibt: „Alle Kolonialherren wund Eingeborenen wollten Schulplätze für ihre Kinder. Für Abt Franz Pfanner galt: Arme und Waisenkinder haben Vorrang vor den anderen. Und es darf keinen Unterschied geben zwischen Farbe und Religion.“

In diesen Zusammenhang gehört auch eine weitere Wirkung des Geistes Gottes: Der Heilige Geist schafft Einheit, er führt die Menschen zusammen, macht aus ihnen eine Gemeinschaft und macht ihnen damit ihre gleiche Würde bewusst. Dieser Gedanke der grundsätzlichen Einheit aller Menschen ist ein positiver urchristlicher Gedanke, der aus der Enge und den Gefahren einer undifferenzierten Gleichmacherei herausführt, indem er für notwendige Aspekte einer wechselseitigen Ergänzung und Bereicherung offen ist.

 

3. Der Geist der Brüderlichkeit

Die Wirkungen des Heiligen Geistes finden im gleichen Kapitel unserer Lesung einen weiteren Höhepunkt, den wir als Markstein in der Geschichte der Brüderlichkeit ansehen dürfen:

Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem soviel, wie er nötig hatte.

Welche höhere Form an Brüderlichkeit ist vorstellbar als die, die dem Bruder in der Not mit dem Eigenen zur Seite steht?

Diese Brüderlichkeit ist frei von jeder Ideologie eines größeren und kleineren Bruderseins, da sie von der gleichen Würde aller Menschen ausgeht.

Dazu konnten sich die französische Revolution und auch spätere Systeme nicht durchringen, da an die Stelle der ehemals größeren Brüder oftmals nur andere größere Brüder traten.

Die Apostelgeschichte verschweigt die Voraussetzungen dieser Brüderlichkeit nicht: Es sind:

1. Das Festhalten an der Lehre und der Gemeinschaft der Apostel

2. Das Brotbrechen, d.h. die Feier der Eucharistie und

3. Die gemeinsamen Gebete. Alle drei sind als Wirkungen des Heiligen Geistes anzusehen. Es ist der Heilige Geist, der zusammenruft, der Einheit schafft und eine tiefe Gemeinschaft bewirkt, die eine oberflächliche und interessierte Verbrüderung weit hinter sich lässt. Natürlich werden Sie sich fragen, warum ist dieses so kostbare Erbe im Laufe der zweitausendjähreigen Geschichte des Christentums viele Male zurückgedrängt oder gar vergessen worden, ja , warum wurde man ihm teilweise auch untreu?

Darauf gibt es nur eine Antwort: Es ist nicht die Schwäche der Botschaft, sondern die Schwäche der Menschen, die dies verursacht hat.

Es sind der menschliche Hochmut und Eigennutz, die immer wieder das Eigene in den Vordergrund stellen und zu Rückschritten gegenüber dem eigentlich schon Erreichten führen.

Die Trias Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ist mehr als eine politische Deklamation. Sie bringt eine anspruchsvolle Lebensform eines humanen Miteinanders von all denjenigen zum Ausdruck die Menschenantlitz tragen. Und es ist nur gut und recht, wenn wir gelungene Verwirklichungen dieser Trias feiern und deshalb das Missionswerk von Abt Franz Pfanner bedenken und würdigen.

Wir müssen uns heut aber auch fragen, was der Wille des Helligen Geistes ist, wohin er uns führen will. Auch in den dunkelsten Zeiten der Kirchengeschichte ist das Feuer des Heiligen Geistes nie erloschen, ja, es beleuchtet den Missbrauch in grellem Licht.

Der HI. Geist hielt vielen einen Spiegel vor, damit sie erkannten, wie weit sie sich von ihm entfernt hatten. Daher standen immer wieder Männer und Frauen im HI. Geist auf, darunter viele Heilige, und brandmarkten geistfeindliche Bestrebungen und geistloses Tun.

Beten wir in dieser HI. Feier um die sieben Gaben des HI. Geistes, um die Gabe der Weisheit und der Einsicht, des Rates und der Stärke, der Erkenntnis und der Frömmigkeit, sowie die Gabe der Gottesfurcht.

Sie bewahren uns davor, die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit eigennützig auszulegen, sie abzugrenzen und einzuschließen.

Beten wir im Zugehen auf das Pfingstfest für unseren Bischof Alois, für seine Gesundheit und Schaffenskraft, dass ihm immer neu Gottes Geist geschenkt werde, unsere Diözese in diesen schwierigen Zeit als Guter Hirte zu führen. Beten wir um eine pfingstliche Erneuerung unserer Ordensgemeinschaften, der Gemeinschaft der Wernberger Missionsschwestern vom Kostbaren Blut und der Gemeinschaft der Mariannhiller Missionare, aber auch aller Glieder der Kirche, dass wir uns alle gegenüber den Gaben des Heiligen Geistes öffnen und ihn selbst noch so verführerischen Weltgeistern vorziehen. Beten wir für unsere Verstorbenen, besonders für die Verstorbenen in der Gemeinschaft der Wernberger Mitschwestern und für die verstorbenen Mitbrüder in der Gemeinschaft der Mariannhiller Missionare und danken wir für alle, die in unseren Gemeinden lebendige Zeugen des Heiligen Geistes waren, die aus ihm lebten und andere durch ihr Beispiel auf ihn verwiesen haben. Amen.