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PRIVATKLINIK VILLACH GESUNDHEITSBLATT AUSGABE 4/04
ÄLTER WERDEN WIR ALLE, DOCH NICHT JEDER WIRD IM ALTER VERWIRRT. MEIST PASSIERT ES JENEN,DIE IN IHREM LEBEN VIELES ZUM SCHWEIGEN GEBRACHT HABEN, WAS IM GRUNDE REDEN MÖCHTE, VIELES VERDRÄNGT HABEN, WAS LEBEN MÖCHTE UND VIELES EINGESPERRT HABEN, WAS FREI SEIN WILL.
(von Sr. Anaclet Nußbaumer)
Nicht jeder erlebt sein Alter in geistiger Klarheit. Wenn die Sinne nachlassen und Prozesse im Gehirn das Gedächtnis beeinträchtigen, dann begeben sich die Menschen auf eine Reise in eine innere Welt, in ihre Vergangenheit. Schönes und Erlebtes, aber auch nie Gelebtes, schmerzliche Verluste oder schlimme Erlebnisse, kommen nun an die Oberfläche. Doch wie sollen Betreuerinnen, Freunde und Familienmitglieder verstehen, wenn aus alten Menschen herausdrängt, was sie im Laufe ihres Lebens niemandem erzählt haben, was sie sogar vor sich selber versteckt haben?
Wenn man sehr alt ist, hat man oft nicht mehr die Möglichkeit sich mit Worten verständlich zu machen und man verwendet andere Sprachen: Symbole, Gesten, Verweigerung. Da wird nach dem Essen gerufen, und wenn es da ist, wird es zurückgewiesen. Anstatt zu reden, wird mit einem Stock auf den Boden geklopft. Die eigenen Kinder werden beschuldigt zu stehlen. Partner, Freunde und Betreuer sind dann meist überfordert, wenn sie versuchen, mit der dementen Person Kontakt aufzunehmen, auch, weil sie nicht wissen, in welcher „Sprache“ sie mit ihnen reden sollen.
Die Methode, sich durch Empathie (Einfühlungsvermögen) und genaue Beobachtung in die Bewusstseins- und Gefühlsebenen dementer Menschen einzuklinken, heißt im Englischen „Validation“, übersetzt bedeutet es „Wertschätzung“. Jemanden „validieren“ bedeutet, seine Gefühle anzuerkennen und ihm das Gefühl zu geben, dass er ernst genommen wird.
Desorientierung kennt vier Phasen.
Die erste Phase macht sich als unglückliche Orientierung des Einzelnen bemerkbar. Unglücklich Orientierte wirken steif und angespannt, haben oft verkniffene Gesichtszüge und eine schrille Stimme.
Sie sind sich gelegentlicher Verwirrung bewusst, geben dies aber nicht zu. Sie beschuldigen andere (z.B. des Diebstahls), leugnen Gefühle, weisen Berührungen ab, möchten keine Veränderung und klammern sich an die Realität. Alte Konflikte äußern sie in „verkleideter Form“.
Die zweite Phase ist die Phase der Zeitverwirrtheit. Trübe Sinne und ein beeinträchtigtes Kurzzeitgedächtnis erleichtern den Zeitverwirrten den Rückzug in die Vergangenheit. Menschen in dieser Phase können entspannt und graziös wirken, sie können sich an Gefühle, nicht aber an Fakten erinnern, sie hören Menschen nicht mehr zu, halten sich nicht mehr an Regeln und nicht an die Uhrzeit, können sich nicht mehr konzentrieren und bleiben in ihren Gefühlen stecken, seien dies nun Gefühle der Trauer, des Hungers, der Liebe, der Angst.
In der dritten Phase ziehen sich Menschen in vorsprachliche Bewegungen und Klänge zurück. Menschen in dieser Phase weinen häufig, knöpfen ihre Jacken auf und zu, sind inkontinent, können Kinderlieder von Anfang bis zum Ende singen, aber keine Sätze bilden. Die Lust an der Bewegung, z.B. am Tanzen, ist da, der Wunsch nach Denkvermögen ist verschwunden. Sie halten sich an keine Regeln.
Das Vegetieren ist die letzte Phase der Desorientierung. Diese Menschen verschließen sich vor der Außenwelt. Sie wirken schlaff, haben die Augen oft geschlossen, erkennen keine nahen Angehörigen, sitzen im Sessel oder liegen in embryonaler Position im Bett. Sie sind nicht mehr aktiv.
Oft werde ich gefragt, ob und wie man der Desorientierung im Alter vorbeugen kann. Die Antwort ist: Ja. Ja, man kann ihr vorbeugen, indem man sich den Aufgaben des Lebens stellt, sich selbst und anderen Schwächen verzeiht, sich Ziele für ein glückliches Altern setzt, sich nicht unterkriegen lässt und neue Beziehungen aufbaut, wenn alte sterben und wenn man seine Lebenslust behält.
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